Reif für die Insel!

10.05.2012

Viele von uns bereiten sich auf ihren Sommerurlaub in südlichen Gefilden vor, Sonne und eine Brise vom Meer gehören dazu. Windenergie kann helfen, diese Urlaubserwartung auch zum nachhaltigen Erlebnis werden zu lassen. Ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 27.4.2012 erzählt die Geschichte, schönen Sommer wünscht das Team von www.prowind.at!:

„Hier wird bald ein Traum wahr. Hier beginnt bald eine neue Zeit." Juan Manuel Quintero lässt den ausgestreckten Arm über einen  riesigen, künstlichen Krater schweifen, in  dem  gerade  Arbeiter die neue Zeit vorbereiten. Quintero ist Ingenieur; der künstliche Krater ist der letzte, noch unfertige Baustein eines Jahrhundertprojekts; und  der  Traum,   von dem  der  Ingenieur spricht,  ist  der alte Menschheitstraum von unerschöpflicher, sauberer  Energie. Auf El Hierro soll er sich erfüllen. Die kleinste Insel der Kanaren will ihre rund  10.700 Einwohner als weltweit  erste Insel dieser Größe noch in diesem Jahr zu einhundert Prozent mit erneuerbarer Energie versorgen. Das Konzept sieht vereinfacht so aus: Fünf Windräder, jedes 68 Meter hoch und mit  einer Leistung von 2,3 Megawatt, erzeugen Strom. Dieser wird nicht nur ins Netz eingespeist,  sondern auch dazu verwendet, Meerwasser zu entsalzen und anschließend in den 700 Meter hochgelegenen, 380 000 Kubikmeter fas­ senden Vulkankrater La Caldera zu pumpen. Wenn kein Wind bläst und die Rotoren stillstehen, fließt  das Wasser  durch Rohre bergab,  treibt vier 2,8-Megawatt­ Turbinen an,  die  Strom  erzeugen, und wird in dem künstlich angelegten Riesenbassin aufgefangen.

..Dieses speziell für unsere Insel entwickelte Wind-Wasserkraftwerk macht uns von den Launen des Wetters  unabhängig",  erklärt Juan  Manuel Quintero. Bei Wind, der hier mindestens 3000

Stunden im Jahr bläst, können wir überschüssige  Energie  speichern, indem wir das Wasser hochpumpen. Bei Flaute lassen wir es wieder herabfließen und greifen auf die Turbinen zurück. Gleichzeitig können wir die Stromeinspeisung exakt auf den jeweiligen Energiebedarf ein­ stellen.  Damit  wird  alternativ erzeugte Energie erstmals in jeder Hinsicht handhabbar." Insgesamt  soll  das  Ökokraftwerk 48 Gigawatt Strom pro Jahr erzeugen, was der für 2015 prognostizierten

Nachfrage entspricht.

Seit 30 Jahren arbeiten Ingenieure, Techniker und Politiker auf El Hierro an der Verwirklichung des ehrgeizigen Projekts. Und als Juan Manuel Quintero an diesem Morgen den Inselpräsidenten Alpidio Armas durch die Pumpstation und das Turbinenhaus führt,  sieht  man ihm an,   wie  stolz  er  ist. Im  Hintergrund dröhnt das Dieselkraftwerk, das derzeit noch die Insel mit Strom versorgt, und pustet  schwarze Rauchwolken in den blauen Himmel. Es ist ein Monument der alten Zeit. Dass diese Rußschleuder abgeschaltet wird,  ist  ein  langgehegter Wunsch von Javier Morales, lange Zeit stellvertretender Inselpräsident von El Hieno und politischer Vater des Ökoprojektes.

„Dadurch ersparen wir  der  Umwelt jedes Jahr  den Verbrauch von 6000 Tonnen   Diesel",  rechnet der gelernte Agraringenieur vor. Das vermeidet  den Ausstoß  von  18.700 Tonnen  Kohlendioxid - etwa  so viel, wie ein 20.000 Fußballplätze großer Wald aufnimmt. Außerdem sparen wir  jede Menge  Kraftstoff, da ja für die Stromerzeugung kein Diesel mehr  auf  die entlegene  Insel  transportiert werden muss."

Vor 15 Jahren erarbeitete Morales für El Hierro einen umfangreichen Plan für

Nachhaltigkeit. Damals hegte die spanische Regierung  ernsthafte Pläne,  auf El Hierro einen Weltraumbahnhof zu errichten. Die Inselbevölkerung hatte  das mit großer  Mehrheit  abgelehnt.  Aber im gleichen Atemzug haben wir Ja gesagt zu einer nachhaltigen Entwicklung, um ein Zukunftsprojekt zu haben,  von dem die ganze Insel profitiert", sagt  Morales. Er sorgte dafür,   dass das Kraftwerk zu 60 Prozent dem Cabildo gehört, der Inselverwaltung El Hierros. Auf diese Weise können  wir  mit  sauberer Energie pro Jahr drei bis vier Millionen Euro einnehmen, die wir in die Entwicklung der Insel stecken können,  vor allem  jedoch in die Ausbildung unserer Jugend."

Das Ökokraftwerk als Ausbildungszentrum für  hoch qualifizierte Berufe - das ist auch die Vision, die Juan  Manuel Quintero mit dem Projekt verbindet.

Schon jetzt scheint der Plan aufzugehen. Sogar aus Deutschland sind die ersten Praktikanten angereist. Michael Kobert, Mario Fischer  und  Christoph Bellmann machen in Berlin eine  Ausbildung zum Technischen Assistenten für regenerative Energietechnik, auf El Hierro  sehen sie, wie das, was sie in der Theorie lernen, in der Praxis funktionieren kann.

„Von den Technikern hier können wirklich eine Menge lernen", sagt Bellmann.

"Und eine ,Whole-in-one-Lösung' aus einem Wasserkraftwerk und einem Windpark - wo gibt es das sonst?" Doch nicht nur Praktikanten lockt das Ökoenergieprojekt an. Aus der ganzen Welt reisen Ingenieure und Politiker nach El Hierro, um zu sehen, ob die Anlage zur sauberen Energieerzeugung ein Modell für ihre jeweiligen Herkunftsorte sein könnte. Javier Morales schätzt, dass es weltweit etwa 1000 Inseln gibt, die sich mit einem Ökokraftwerk wie dem

auf El Hierro vollständig mit sauberer Energie versorgen könnten. Und Roque Calero, Professor für Energietechnik an der Universität von Las Palmas, stellt fest: "Vor allem dort, wo es Stauseen und ein vorhandenes Gefälle gibt, kann die Anlage von El Hierro Modell stehen. Auf den Kanaren käme das vor allem auf Teneriffa und Gran Canaria in Frage." Bisher, so der Professor, werden auf den Inseln trotzidealer Bedingungen nicht einmal sechs Prozent des Strombedarfs durch alternative Energieerzeugung gedeckt. Den meisten Insel-Regierungen fehlte der Wille für mehr.

Der war auf El Hierro vorhanden. "Das Wichtigste, um das Projekt zu verwirklichen,

war unsere Ausdauer", sagt Javier Morales. Juan Manuel Quintero ergänzt: "Allein für Zu- und Abfluss zwischen oberem und unterem Wasserreservoir brauchten wir 6.000 Meter Rohrleitungen, die komplett vom spanischen Festland über Teneriffa nach El Hierro transportiert werden mussten. Auf einen Lastwagen passen aber gerade mal 48 Meter Rohr." Zum Aufstellen der Windräder musste ein 80 Meterhoher Kran vom Festland verschifft werden. "Doch die vielen, vielen Stunden, die ich in dieses Projekt investiert habe, haben sich gelohnt", sagt Juan Manuel

Quintero. Jetzt wartet er auf den großen Moment, wenn er auf den Knopf drückt und die Anlage zum ersten Mal komplett in Betrieb geht. Das ist in diesem Sommer geplant. "Und dann", so sagt der Ingenieur noch einmal, "beginnt hier eine neue Zeit." VELTEN ARNOLD

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