UNO: Klimaerwärmung wird dramatische Folgen haben

01.04.2014

Zuvor hatte die Leiterin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, bereits am Donnerstag gesagt, dass der neue Klimabericht "ein Weckruf sein" werde. "Er wird zeigen, dass alles, was wir bisher wussten, das Problem unterschätzt hat. Es geht schneller als wir dachten und die Effekte sind stärker als wir dachten", sagte Figueres weiter. Die Skeptiker würden "gerade eine Schlacht verlieren". Sie würden zwar immer wissenschaftlicher auftreten. "Aber jeder, der daran zweifelt, möge mal aus dem Fenster schauen. Jeder hier in New York erinnert sich an (den Wirbelsturm) 'Sandy'. Jeder im Mittleren Westen hat die Stürme dort erfahren. Wie kann man jetzt noch ernsthaft sagen, da sei nichts?"

Die Ergebnisse im Detail

  • Atmosphäre und Ozeane haben sich erwärmt - seit 1880 um durchschnittlich 0,9 Grad.
  • Gleichzeitig sind die Schnee- und Eismengen in erheblichem Ausmaß geschmolzen. Bis auf wenige Ausnahmen schrumpfen alle Gletscher. Grönland hat zwischen 2002 und 2011 rund sechsmal soviel Eismasse verloren wie in den Jahren zwischen 1992 und 2001. Auch die Antarktis dürfte in diesem Zeitraum fünfmal soviel Eis verloren haben. Die Verluste sind hier vor allem auf die Westantarktis zurückzuführen.
  • Der Meeresspiegel ist zwischen 1901 und 2010 um 19 Zentimeter gestiegen.
  • Jedes der letzten drei Jahrzehnte war wärmer als jedes andere Jahrzehnt davor seit 1850. Auf der Nordhalbkugel war der Zeitraum von 1983 bis 2012 die wärmste 30-Jahres-Periode der vergangenen 1400 Jahre.

Meeresspiegel wird deutlich steigen

Und auch die Zukunftsprognosen klingen bedrohlich. Der Weltklimarat warnt vor einem um gut ein Drittel höheren Anstieg der Meeresspiegel als bisher prognostiziert. Die Meeresspiegel drohen bis zum Jahr 2100 - je nach Szenario - um 26 bis 82 Zentimeter zu steigen, heißt es in der Zusammenfassung des ersten Teils des Berichts, die am Freitag in Stockholm verabschiedet wurde.

In seinem vierten Sachstandsbericht von 2007 hatte der IPCC noch Anstiege zwischen von 18 bis 59 Zentimetern vorhergesagt. Durch den höheren Meeresspiegel könnten Inseln und flache Küstengebiete dauerhaft überflutet werden.

Risiko für Dürren und Stürme steigt

Die Weltgemeinschaft droht laut den Befunden des IPCC außerdem ihr Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad deutlich zu verfehlen. Die Durchschnittstemperaturen würden je nach Szenario bis zum Jahr 2100 um einen Wert zwischen 0,3 und 4,8 Grad steigen. Dabei muss jeweils noch berücksichtigt werden, dass die Durchschnittstemperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits um etwa 0,8 Grad angestiegen ist.

Bei einem Temperaturanstieg um mehr als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter fürchten Wissenschafter kaum beherrschbare Umweltfolgen. So würde etwa das Risiko für Dürren und Stürme steigen. In den Beratungen über ein neues weltweites Klimaschutzabkommen, das bis 2015 stehen soll, hatte sich die internationale Gemeinschaft daher grundsätzlich auf das Zwei-Grad-Ziel verständigt.

Appell der Umweltschutzorganisationen

Die großen Umweltschutzorganisationen haben mit Appellen zum raschen Handeln auf die Präsentation des Weltklimaberichts reagiert. Greenpeace, Global 2000 und der WWF forderten die Regierungen dazu auf, die Warnungen der internationalen Wissenschafter ernst zu nehmen. "Der wissenschaftliche Konsens ist so groß wie nie. Heute leugnet kaum noch jemand, dass der Klimawandel zum überwiegenden Teil von Menschen verursacht wird", sagte Julia Kerschbaumsteiner, Klimasprecherin von Greenpeace.

"Alle müssen jetzt zusammenarbeiten, damit wir nicht in die schlimmste Krise seit Beginn der menschlichen Zivilisation stürzen", appellierte auch Global-2000-Klimasprecher Johannes Wahlmüller. Der WWF sprach von einer "Sturmwarnung für alle Regierungen, ihren eigenen Report ernst zu nehmen und alle klimaschädlichen Emissionen drastisch zu reduzieren". "Wir müssen eine Zukunft zwischen Sintflut und Wüste vermeiden", so WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides.

EU will Kampf gegen Klimawandel anführen

Die Europäische Union wird nach Worten der zuständigen EU-Kommissarin Connie Hedegaard "weiterhin den Kampf gegen den Klimawandel anführen". Hedegaard stellte am Freitag in einer Reaktion auf den UN-Klimabericht die Frage: "Was würden Sie machen, wenn ihr Arzt zu 95 Prozent sicher ist, dass Sie eine ernsthafte Krankheit haben?"

"Die Frage ist nicht, ob man an den Klimawandel glaubt oder nicht. Die Frage ist, ob man der Wissenschaft folgt oder nicht", sagte Hedegaard. In Europa seien dazu schon ehrgeizige Gesetze zur Emissionsreduktion, Erneuerbaren und Energiesparen in Kraft. Die EU-Kommission werde vor Jahresende Klima- und Energieziele für 2030 vorlegen. "Europa wird weiter mehr Handeln von allen Emittenten verlangen."

Kompletter Text ab Montag verfügbar

Die 36-seitige Zusammenfassung des ersten Berichtsteils hatten die 195 Mitgliedsstaaten des IPCC seit Montag Wort für Wort verabschiedet. Der komplette Text des Berichtsteils soll am Montag kommender Woche auf der IPCC-Webseite freigeschaltet werden. Das mehrere hundert Seiten umfassende Dokument beschäftigt sich mit den klimatischen Veränderungen und deren Ursachen. Im März und April folgen die beiden Berichtsteile zu den Auswirkungen des Klimawandels und Anpassungsstrategien sowie zu den Möglichkeiten einer Abmilderung des Klimawandels. Die Zusammenfassung aller Ergebnisse erscheint Ende Oktober 2014.

Der IPCC wurde 1988 gegründet, um die politischen Entscheidungsträger in aller Welt möglichst umfassend und objektiv über den Stand der Klimaforschung zu informieren. Das Gremium forscht nicht selbst, sondern trägt die Ergebnisse in seinen Sachstandsberichten zusammen.

Wie der Report entstanden ist

An dem ersten Teil des neuen Weltklimareports haben 259 Hauptautoren aus 39 Ländern vier Jahre lang gearbeitet. Nun steht der Stand der Forschung auf rund 2000 Seiten.

Und so ist der erste Teil des Reports entstanden:

Zunächst erstellten die von Regierungen und Organisationen vorgeschlagenen Klimaexperten einen Entwurf, ließen ihn überprüfen und erhielten über 21.000 Kommentare - auch von Klimaskeptikern. Der daraufhin verfasste zweite Entwurf bekam mehr als 31.000 Kommentare. Das Prüfverfahren war verschärft worden, nachdem im vergangenen IPCC-Bericht zwei inhaltliche Fehler standen. Das dritte Papier fassten die Forscher auf etwa 30 Seiten zusammen, die dann nochmals 1.855 Mal kommentiert wurden. Diese letzte Fassung gingen schließlich die Regierungsvertreter und Forscher vier Tage lang in Stockholm Wort für Wort durch.

"Das ist die am besten begutachtete wissenschaftliche Arbeit in diesem Bereich" sagte Prof. Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, der für das Kapitel "Beobachtungen in der Kryosphäre" (Eisschmelze) im Report kontrolliert hat, ob alle wichtigen Kommentare berücksichtigt wurden. "Die Klimamodelle sind noch nicht perfekt, aber so gut, dass sie sicherlich ausreichen für die dringende Aufforderung, etwas gegen den Klimawandel zu tun."

(APA/dpa)

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