STROMKONZERNE STEIGERN DIE PREISE, NICHT DIE ÖKOSTROMFÖRDERUNG

26.11.2013

Ihr Kernargument: Die Energiewende, also die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energiequellen, sei zwar politisch gewollt. Die öffentliche Meinung werde aber in Deutschland von Lobbyinteressen bestimmt, „die suggerieren wollen, dass der Strompreis aufgrund der Energiewende zu stark gestiegen ist. Und das stimmt eben nicht“, sagte Kemfert bei einem Vortrag in Wien. Würden die gesunkenen Börsenpreise bei den Haushalten ankommen, müsste der Strompreis trotz höherer Ökostromförderung nicht steigen. Deutschland könnte von Österreich lernen, wo die Regulierungsbehörde wiederholt – und zum teil mit Erfolg – Strompreissenkungen eingefordert hat. Kemfert: „Bei uns wird Ökostrom einseitig stigmatisiert, und gar nicht gesehen, das es auch preissenkende Faktoren gibt.“

Deutsche Haushalte zahlen 2014 bereits über sechs Cent Ökostrom-Zuschlag pro Kilowattstunde. Das ist drei bis vier Mal so viel wie in Österreich und mehr als für den Strom selbst. Schuld am Anstieg der Förderkosten sind nicht zuletzt die historisch niedrigen Preise an der Strombörse. Je tiefer der Marktpreis, umso größer die Differenz zu den fixen Einspeisetarifen für Windparks oder Photovoltaikanlagen, die von den Stromkunden abgedeckt werden muss. In Summe geht es bereits um 20 Mrd. Euro.

Kemfert will diese Zahlen nicht isoliert stehen lassen: Hätte man die Kosten von Kohle- und Atomkraft voll eingepreist, wie in den 80er-Jahren geplant, wären die Strompreise schon jetzt drei Mal so hoch. Das müsse man in Relation setzen, wenn man Kosten der Energiewende bewerte. Kohle- und Atomstrom habe man „heimlich“ gestützt und so die Illusion eines Marktpreises aufrechterhalten. „Bei Ökostrom zahlen wir die Subventionen offen. Das erzeuge den Eindruck, dass Ökoenergie Luxus ist, den sich keiner leisten kann. Aber es ist genau umgekehrt“, betont die Ökonomin, die zum Thema im Frühjahr auch ein Buch („Kampf um Strom“) geschrieben hat.

Aus ihrer Sicht sollten – mit Ausnahme von Süddeutschland – Kraftwerke stillgelegt werden, um den Stromüberschuss zu reduzieren. „Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist gewollt, daher kann man jetzt nicht sagen, sie sind überflüssig“, so Kemfert. Das Gesetz sei so angelegt, dass man Kohlekraftwerke runterfahre, sobald es viel Grünstrom gebe, was aber nicht passiere.

„Geht nicht“, kontern die Energiekonzerne. Diese Anlagen ließen sich, im Gegensatz zu Gaskraftwerken, nicht auf Knopfdruck einschalten, falls man sie kurzfristig brauchen sollte. Daher werden jetzt Ausgleichszahlungen für unrentabel gewordene Reservekraftwerke diskutiert. Kemfert hält das für falsch, ebenso wie die zahllosen Ausnahmen von der sogenannten EEG-Umlage für Betriebe, die gar nicht im internationalen Wettbewerb stehen. Sie erwartet hier bald Korrekturen, weil Brüssel mit einem Verfahren wegen illegaler Beihilfen droht.

Befürchtungen, dass die Industrie wegen hoher Energiekosten abwandern könnte, teilt sie nicht. „Die, die am lautesten schreien, haben am wenigsten Grund dazu“, betont die Expertin. Die Unternehmen profitierten, anders als die privaten Haushalte, voll von den niedrigen Börsenpreisen.

Zurück