Naturschutzbund und Landesumweltanwaltschaft fordern Umdenken in der Energiepolitik

19.12.2012

Salzburg werde 110 Millionen Euro verlieren, weil die Salzburg AG diesen für das Mur-Kraftwerk in Ramingstein vorgesehenen Betrag eben wo anders verbauen werde - das kündigt Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstalleran. "Wo anders" heißt laut Burgstaller bei den Offshore-Windparks in der Nordsee "oder sonst wo".Wo? Tatsache ist, dass die Salzburg AG im Konzert der europäischen Energieriesen ein Zwerg ist. Keiner der Großen auf dem Energiemarkt ist auf das Geld aus Salzburg angewiesen. Die großen Energiekonzerne gehen längst neue Wege. Ihr Zauberwort lautet: Hybrid-Kraftwerke. Sie speichern bei Wind Windstrom, bei Sonnenschein Solarstrom – aber nicht in Pumpspeicheranlagen, sondern durch Elektrolyse von Wasser. Wasserstoff wird gespeichert. Wenn die Sonne nicht
scheint und kein Wind weht, dann werden Blockheizkraftwerke mit dem Wasserstoff betrieben und/oder mit Biogas.
Das macht das Ganze für Österreich besonders interessant – denn letzteres wird aus Gülle erzeugt. Warum ist das wichtig? Nun – renommierte Wissenschaftler weisen längst darauf hin, dass das Ziel, die Temperaturerhöhung in diesem Jahrhundert auf zwei Grad begrenzen zu können, nicht mehr zu erreichen ist – es sei denn, bei der Weltklimakonferenz in Doha geschieht ein Wunder. Vier Grad seien mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten – mit der Folge: auf der Erde breiten sich die Wüsten weiter aus, ganze Landstriche verschwinden unter dem
Meeressspiegel. Jetzt daher in gigantischem Ausmaß eine CO2-Schuld – nicht nur beim Bau von
Wasserkraftwerken – einzugehen, ist unverantwortlich, weil diese Schuld nicht abzutragen ist in der knapp bemessenen Zeitspanne, in der noch die Umkehr möglich wäre. Politiker-Patentrezepte „Verzicht aufs Auto“, „Häuser dämmen“, „neue Wasserkraftwerke bauen“ sind nichts anderes, als den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Es geht um eine dramatische, einschneidende Umkehr, eine Rückkehr zu einem Leben mit Augenmaß.
Wir dürfen kommende Generationen nicht ins Verderben stürzen, indem wir ihnen einen Wüstenplaneten
übergeben! Wasserkraftwerke an Flüssen sind nicht so klimafreundlich, wie sie angepriesen werden. Eine Nachdenkpause und die Erstellung eines Masterplans nicht nur für die Mur, sondern für alle noch nicht energiewirtschaftlich genutzten Gewässerstrecken in Salzburg ist überfällig. Dann wird man wohl auch draufkommen, dass es in Europa längst einen Überschuss an Strom gibt, leider oft zur falschen Zeit, wenn die Offshore-Windkraftwerke und Solaranlagen mehr Strom liefern als benötigt wird. Auf die Flusskraftwerke trifft das
auch zu. Strom liefern sie hauptsächlich im Sommer. Im Winter, wenn am meisten Strom benötigt würde, liefern
sie am wenigsten. Und umweltfreundlich sind sie schon gar nicht. Den schlagenden Gegenbeweis hat niemand geringerer als der Mur-Gutachter der Salzburg AG, Prof. Helmut Mader, geliefert. Er bescheinigt dem Kraftwerksprojekt die Umweltverträglichkeit, weist aber zugleich darauf hin, dass angesichts der verbleibenden
Restwassermenge große Fische nicht mehr vorkommen werden. Und das soll umweltverträglich sein? Innovative Konzepte zur Nutzung erneuerbarer Energien Salzburgs Politiker müssen endlich auch die Weichen stellen. Wasserkraft hat keine große Zukunft mehr. Der ökonomische Ertrag steht in keinem Verhältnis zum ökologischen Schaden durch Naturzerstörung und Landschaftsverschandelung – und das in einem Tourismusland wie Salzburg!
Innovative Energiekonzepte bieten auch Chancen für die Landwirte, die ohnehin vielfach nicht mehr wissen, wohin mit der Gülle und sie dann mit Hochdruckpumpen sogar im Nationalpark Hohe Tauern versprühen. Aus Gülle kann aber umweltfreundliche Energie und Biodünger entstehen. Salzburg muss hier eine Pionierrolle in Österreich übernehmen! Die Salzburg AG soll ihre 110 Millionen in ein Modell-Hybridkraftwerk investieren, das auf heimische Bedingungen und Größenordnungen abgestimmt ist. Das ist die eine Seite. Die andere: Energiesparen ist angesagt – nur eingesparte Kilowattstunden bringen uns weiter, nicht zusätzlich erzeugte. Da ist die Politik in Österreich gefordert. Der Staat ist beim Verbund Mehrheitseigentümer, das Land bei der Salzburg AG. Es ist an der Zeit, den Vorständen die Richtung vorzugeben. Nicht NACH-Denken ist gefragt, sondern VOR(AUS)-Denken, wie das ein Salzburger Energiemanager vor kurzem etwas großspurig verkündet hat. Bloß – in der Praxis merkt man davon noch nichts. Denn die Strombosse sind Kaufleute, die entgegen allen Lippenbekenntnissen immer mehr Strom verkaufen und noch höhere Gewinne machen wollen – im Interesse ihrer fürstlichen Gagen, letztlich aber auch im Interesse der Mehrheitseigentümer Staat und Land, die mit dem Gewinn der Energiegesellschaften Löcher im Budget stopfen. So beißt sich derzeit hierzulande die Katze noch in den Schwanz. Ein unhaltbarer Zustand!
Hans Kutil
Landesvorsitzender
Naturschutzbund Salzburg
Dr. Wolfgang Wiener
Umweltanwalt

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