Land hat Energieziele verfehlt

19.11.2012

Das Land will bis 2020 den Anteil der erneuerbaren Energie am Gesamtenergieverbrauch auf 50 Prozent erhöhen und ab 2050 ganz energieautark sein. Der Politologe Erich Mild hält das für unrealistisch: „Salzburg hat sich in den beiden Energieleitbildern 1985 und 1997 viele energiepolitische Ziele gesteckt, etwa eine Senkung des Gesamtenergieverbrauchs und eine Reduktion der Treibhausgase. Tatsächlich entfernen wir uns von der Erreichung der Ziele immer weiter.“

Die Landesregierung hatte etwa 1997 mehrere Szenarien für den Gesamtenergieverbrauch entwickelt. Das mittlere Einsparungsziel für 2011 wurde schon 2010 um 43,4 Prozent überschritten, das noch ambitioniertere Einsparungsziel wurde um 100 Prozent verfehlt.

Heute, Montag, berät auch die Landesregierung über die künftige Energiestrategie des Landes. Seiten 2, 3

„Eine Änderung des Lebensstils ist notwendig“

19.11.2012 | |
Energie. Das umstrittene Murkraftwerk in Ramingstein werde die Energiebilanz des Landes nicht retten, sagt Experte Erich Mild. Den bisherigen Verzicht auf Windkraft nennt er verantwortungslos.
STEFAN VEIGL
Der freiberufliche Politologe Erich Mild (53) hat sich in einer Studie für die Robert-Jungk-Bibliothek mit der Energiepolitik des Landes beschäftigt. Er war auch Experte bei einer Landtagsenquete geladen.

 

SN: Zurzeit streitet die Landesregierung um das Murkraftwerk Ramingstein. Reicht ein Ausbau der Wasserkaft, um die Energieziele zu erreichen?

Mild: Das reicht sicher nicht. Eine Entscheidung über das Murkraftwerk sollte erst fallen, wenn die Politik die Einsparungs- und Effizienzpotenziale gehoben hat und auch den Aus bau anderer erneuerbarer Energien fixiert hat. Was den angekündigten Masterplan betrifft: Eine Aktualisierung der Studien ist erstrebenswert. Das geht aber in ein paar Monaten.


SN: Welchen Teil zur Lösung könnten große Windkraft- und Photovoltaikanlagen leisten?

Mild: Es gibt seit zwölf Jahren Windkraftprojekte in Salzburg. Bis jetzt konnte kein einziges realisiert werden. Im Mix der erneuerbaren Energien sind sie aber unverzichtbar, auch deswegen, weil sie im Winter am meisten Ertrag liefern, wenn der Verbrauch am höchsten ist. Das ist bei Wasserkraftwerken umgekehrt. 100 Windräder, wie die A.-T.-Kearney-Studie vorschlägt, wären 37,5 Prozent des zusätzlich notwendigen Energiebedarfs bis 2020. Ihre Errichtung ist aber bis dahin unrealistisch. Aber es würden auch schon 30 Windräder helfen. Es ist für mich verantwortungslos, auf Windkraft zu verzichten. Bei der Photovoltaik waren bisher die Kosten das Gegenargument. Aber die Preise sinken rapide. In wenigen Jahren wird Photovoltaik ohne Förderung rentabel sein. Sie ist wichtig, weil sie dezentral Häuser versorgen kann. Quantifizieren kann man ihr Poten zial aber schwer. Das Ziel bis 2020 beruht auf der Annahme, dass es um elf Prozent weniger Stromverbrauch gibt. Mit Ausnahme der Krise 2008 bis 2010 ist der Stromverbrauch aber noch nie gesunken.

SN: Sollte die Politik die Bürger zum Energiesparen bewegen – durch bessere Förderungen, aber auch höhere Steuern?

Mild: Förderungen allein werden nicht reichen. Es ist eine Änderung des Lebensstils nötig! Da geht es ans Eingemachte. Da werden manche lieb gewordene Gewohnheiten aufgeben müssen. Im Baubereich brauchen wir eine jährliche Sanierungsrate von drei Prozent der Häuser. Derzeit schaffen wir ein Prozent. Da wurde 20 Jahre geschlafen. Eine Förderaktion, die nur ein halbes Jahr dauert, ist kontraproduktiv. Für die Gebäudesanierung brauchen wir einen Masterplan!

 

SN: Welche Maßnahmen sind beim Verkehr nötig? Höhere Mineralölsteuer? Citymaut?

Mild: Es müsste einen Ausbau der S-Bahn geben. Und wir sollten den Leuten die Wahrheit sagen: Wir können keine neuen Umfahrungen mehr bauen, Straßwalchen muss die letzte gewesen sein. Grundsätzlich ist alles sinnvoll, was den Autoverkehr zurückdrängt. Bei einer Citymaut ist die Frage, ob Salzburg nicht zu klein ist dafür. Aber da wird es Widerstand geben – von den Autofahrerclubs bis zur AK und den Autofirmen. Und: Die aktuellen Entscheidungsträger sind zwischen 40 und 60 und gewohnt, mit großem Wagen, oft mit Chauffeur, herumzufahren. Die kennen nichts anderes.

 

SN: Haben Sie weitere Wünsche an das Land?

Mild: Es sollte im eigenen Bereich vorpreschen: 50 Prozent der Dienstwagen einsparen, über Energiecontracting die Landesgebäude thermisch sanieren und eine E-Auto-Offensive für Mitarbeiter starten, bevor sie der Bevölkerung Opfer und neue Kraftwerke zumutet. Wir brauchen eine Bewusstseinsbildung: Außer im streng geschützten Bereich müssen Windkraft und Photovoltaik erwünscht sein. Wenn ich sehe, wie Lift- und Handymasten unser Straßenbild prägen, dürfen diese Anlagen kein Tabu sein. Ein Ausstieg aus der fossilen Energie ist künftige Sozialpolitik, weil die ärmeren Haushalte einen besonders hohen Prozentsatz ihres Einkommens für Energie und Wärme ausgeben müssen. Wir müssen weg von den Heizkostenzuschüssen.

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