Europa verfehlt Bioenergie-Ziele

17.02.2011

Brüssel. Wenn Europa wie erhofft im Jahr 2020 ein Fünftel seiner Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen will, muss es zweimal so viel Geld wie bisher in den Ausbau von Wasserkraft, Solaranlagen, Windkraftwerken und Ähnlichem stecken. Angesichts der hohen Verschuldung der meisten europäischen Regierungen ruft die Europäische Kommission zu verstärkter zwischenstaatlicher Zusammenarbeit und einer Durchforstung der nationalen Subventionsgesetze auf. „Die Ausgaben müssen auf 70 Milliarden Euro pro Jahr verdoppelt werden, um unsere Ziele zu erreichen“, sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Montag auf einer Pressekonferenz.

Obwohl einzelne EU-Staaten laut Oettinger „im Plan sind beziehungsweise ihn übererfüllt haben“, verfehlt die Union als Ganzes ihre selbst auferlegten Vorgaben. Im Vorjahr wurden 18 Prozent des elektrischen Stroms in der EU aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen. Man hatte sich aber 21 Prozent vorgenommen. Beim Verkehr betrug der Anteil, den Biodiesel und Bioethanol hätten erreichen sollen, 5,75 Prozent. Tatsächlich machten Biotreibstoffe aber nur 5,1 Prozent aller Kraftstoffe aus, mit denen Europas Autos betankt wurden.

Diese Ökologisierung der europäischen Energiewirtschaft geschieht in einem klar umrissenen rechtlichen Rahmen. Ende 2010 haben alle 27 Mitgliedstaaten die Erneuerbare-Energien-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt. Sie haben sich dabei zu individuellen Zielen verpflichtet, die in Summe dazu führen sollen, dass Europa im Jahr 2020 eine Drittel seines Stromes und ein Zehntel seiner Treibstoffe aus nachhaltigen Quellen gewinnt. Das soll in Summe dazu führen, dass ein Fünftel des europäischen Energieverbrauchs aus Wasserkraft, Sonnenlicht, Biomasse, Wind und dergleichen gewonnen wird.

Gas und Kohle im Aufwind

2010 aber waren Erdgas und Kohle die großen Gewinner. Laut Statistik des Verbands der Europäischen Windenergieunternehmen Ewea machten neue Gaskraftwerke 51 Prozent der neuen Kapazitäten aus, die 2010 in den EU-Staaten in Betrieb gingen. Zudem wurden erst zum zweiten Mal seit 1998 mehr neue Kohlekraftwerke eröffnet, als alte geschlossen. Einer außer Betrieb genommenen Leistung von 1550 Megawatt standen neue Kapazitäten von 4056 Megawatt gegenüber, zeigt die Statistik, die auf Berechnungen des Branchendienstes Platts beruht.

Dagegen scheint der rasante Zuwachs der Windenergie einen Plafond zu erreichen. Zwar stieg die Leistung neuer Offshore-Windkraftwerke gegenüber dem Jahr 2009 um 51 Prozent auf 883 Megawatt. Offshore-Anlagen machen aber nur einen kleinen Teil der Windenergiewirtschaft aus. Die meisten Räder drehen sich auf dem festen Land. Und da wurden um 13,9 Prozent weniger neue Kapazitäten in Betrieb genommen als ein Jahr davor (8,4 nach 9,7 Gigawatt). Windkraft stand für 17 Prozent der neuen Anlagen. Erstmals seit drei Jahren war Windkraft nicht mehr die am häufigsten neu installierte Energiequelle. 5,3 Prozent des Stroms in Europa kommen aus Windkraftwerken.

Oettinger betonte vor diesem Hintergrund die Bedeutung von Planungssicherheit. Er halte es zwar für „logisch und nachvollziehbar“, die Einspeichertarife (gleichsam staatlich verordnete Subventionen für alternative Energieunternehmen) zu kürzen, wenn die Kosten der Erzeugung rasch sinken. In einigen Ländern werde aber derzeit darüber diskutiert, bereits gezahlte Subventionen rückwirkend zu kürzen. „Das halten wir für nicht akzeptabel“, sagte Oettinger. Er gab aber zu, keine rechtliche Handhabe gegen solche Gesetzesänderungen zu haben.

Österreich: Licht und Schatten

Die österreichische Energiewirtschaft übererfüllte 2010 zwar das Ziel, den Anteil von Biotreibstoffen auf 5,75 Prozent zu steigern (er betrug 6,8 Prozent). Vom Ziel, 78,1 Prozent des Stromes nachhaltig zu erzeugen, war Österreich mit einem tatsächlich erreichten Anteil von 69,3 Prozent weit entfernt.

Auf einen Blick

20 Prozent Anteil erneuerbarer Energieträger im Jahr 2020 lautet das Ziel der EU. Derzeit verfehlt sie dieses Ziel knapp. Um es zu erreichen, ist laut EU-Kommission eine Verdoppelung der jährlichen Investitionen von 35 Mrd. auf 70 Mrd. Euro erforderlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2011)

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