13.03.2011
Japan fürchtet sich nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami nun vor einer Atomkatastrophe: Die japanische Regierung schließt nicht aus, dass es in zwei Atomreaktoren des schwerbeschädigten Meilers Fukushima zu einer Kernschmelze gekommen ist. "Diese Möglichkeit besteht", sagte Kabinettschef Yukio Edano am Sonntag auf die Frage, ob Brennstäbe in der Anlage teilweise am schmelzen seien. Bestätigen lasse sich dies aber nicht, da man nicht prüfen könne, was sich im Inneren der Reaktoren abspiele. Seit Samstagabend pumpen Experten ein Gemisch aus Meerwasser und Borsäure zur Kühlung in den Reaktor.
Nach Angaben von Hisanori Nei von der Atomsicherheitsbehörde wird die Möglichkeit als groß angesehen, dass es in dem AKW Fukushima 1 schon vor der Explosion vom Samstag zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Es sei das erste Mal, dass in Japan zu einer Kernschmelze kam, wie die Nachrichtenagentur Jiji berichtete.
Auch eine weitere Explosion in der Atomanlage sei möglich. "Wir können nicht ausschließen, dass sich im Bereich des Reaktors 3 wegen einer möglichen Ansammlung von Wasserstoff eine Explosion ereignen könnte", sagte Edano. Sollte dies eintreten, werde dies aber "kein Problem" für den Reaktor bedeuten.
Inzwischen hat die Strahlenbelastung in der Umgebung das gesetzlich höchstzulässige Maß überschritten, teilte die Betreibergesellschaft mit. Gleichzeitig erschütterte ein schweres Nachbeben der Stärke 6,6 Tokio um 10.26 Uhr Ortszeit (2.26 Uhr MEZ). Das Epizentrum lag 170 Kilometer östlich der japanischen Hauptstadt. Hochhäuser fingen zu wanken an.
Statt der nach japanischen Richtwerten maximal erlaubten 0,5 Millisievert (mSv) beträgt die Dosis der Radioaktivität beim havarierten Kraftwerk Fukushima derzeit 0,882 mSv. Eine akute Gefahr dürfte aber noch nicht bestehen. In den USA beträgt etwa die Dosis durch natürliche Hintergrundstrahlung durchschnittlich 2,4 mSv pro Jahr. In anderen Ländern ist sie noch höher. Reaktorexperte Helmuth Böck vom Wiener Atominstitut hält Werte von einem Millisievert für nicht bedrohlich.
Atomexperten haben in der nordöstlichen Provinz Miyagi eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Experten vermuten, dass der Wind Radioaktivität aus der Provinz Fukushima herübergeweht habe.
Der Evakuierungsradius für das Kraftwerk Fukushima Eins wurde am Samstag auf 20 Kilometer ausgeweitet. Um das AKW Fukushima Zwei wurde eine 10-Kilometer-Schutzzone eingerichtet. 200.000 Menschen wurden nach Angaben der IAEA insgesamt aus diesen Bereichen in Sicherheit. Mindestens 22 Menschen dürften verstrahlt worden sein, die Zahl könnte sich auf 160 erhöhen.
Die IAEA stufte den Unfall auf die Stufe 4 der siebenstufigen INES-Skala für die Beschreibung der Tragweite von Atomzwischenfällen ein. Nach dieser Definition ist das ein "Atomunfall mit lokalen Konsequenzen". Das heißt nach der IAEA-Beschreibung beispielsweise, dass geringfügig Radioaktivität an die Umwelt abgegeben wurde, was zur lokalen Kontrolle von Lebensmitteln führen könnte.
Der Problemreaktor stand nach Angaben einer internationalen AKW-Datenbank kurz vor der Stilllegung. Der Reaktor 1 des Kraftwerks Fukushima Eins sollte nach etwa 40 Jahren in diesem Monat den Betrieb einstellen.
Was im AKW passiert ist
Nach Erdbeben war die Kühlung des Atomreaktors Fukushima 1 ausgefallen. Dadurch droht eine Kernschmelze. Kabinettssekretär Yukio Edano erklärte am Samstag, was in dem AKW passiert sei:
Durch das Absinken des Kühlwasserstandes in dem Siedewasserreaktor habe sich Wasserstoff gebildet, der in das Reaktorgebäude ausgetreten sei. Dort habe sich der Wasserstoff beim Kontakt mit Sauerstoff entzündet und habe die Explosion verursacht, durch die das Reaktorgebäude eingestürzt sei.
Im Inneren der Stahl-Reaktorhülle habe es aber keine Explosion gegeben. Es sei auch noch keine große Menge Radioaktivität ausgetreten. Um Druck aus dem Reaktorkern abzulassen, hatten die Betreiber ein Ventil geöffnet. Dadurch war auch Radioaktivität in die Umgebung gelangt.
Jetzt soll der Reaktorkern des an der Küste gelegenen Kraftwerks mit Meerwasser gefüllt werden. Dem Wasser werde Borsäure beigemischt, um kritische Entwicklungen zu vermeiden. Der Füllvorgang werde fünf bis zehn Stunden dauern.
Bei dem Erdbeben der Stärke 9,0 - der offizielle Wert wurde am Sonntag nach oben revidiert - und dem dadurch ausgelösten Tsunami sind möglicherweise mehr als 10.000 Menschen ums Leben gekommen. Dies berichtete der Fernsehsender NHK. An den Küsten der Provinzen Miyagi und Iwate wurden mehr als 600 Leichen gefunden. Offiziell geht die Regierung von mehr als 2000 Toten aus. 390.000 Personen mussten nach Polizeiangaben ihre Häuser verlassen. Darunter sind auch 80.000 Anrainer des Atomkraftwerks Fukushima.
Die japanische Regierung hat in einer Notstandssitzung den Einsatzbefehl für das Militär gegeben: 50.000 Soldaten sind im ganzen Land im Einsatz, rund 300 Flugzeuge und 40 Marineschiffe.
In fünf Provinzen des Landes wurden mehr als 1400 Notunterkünfte unter anderem in Schulen und Gemeindehäusern eingerichtet. Vielerorts werde mit Tankwagen Trinkwasser geliefert. Augenzeugen berichten von Hamsterkäufen in Supermärkten, an vielen Tankstellen bilden sich lange Schlangen, wo sich die Menschen auch mit Heizöl eindecken.
!!!!!!!!!!!! Tag 1 nach dem Tsunami: Angst vor Nuklearkatastrophe
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Was ist eine Kernschmelze?
Bei einer Kernschmelze überhitzen die Brennstäbe eines Atomreaktors - und zwar so sehr, dass sie sich verflüssigen und in eine unkontrollierbare, radioaktive Schmelze verwandeln. Die Folgen sind schwer kalkulierbar: Ein bis zu 2000 Grad Celsius heißes Gemisch aus Spaltmaterial und Metall kann sich durch die Schutzhülle des Reaktorkerns fressen und in die Umwelt gelangen. Möglich sind auch heftige Explosionen. Mehr ...
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